film-dienst Funkkorrespondenz cinOmat KiM-Shop InfoBörse Gratisheft Schnupperabo Jahresabo
Funkkorrespondenz
AnzeigeFilmfestival Odense
Sie sind nicht angemeldet - Anmelden
DIETRICH LEDER Journal der Bilder und der Töne

Selbst das unruhige Fernsehen schien für einen Augenblick innezuhalten: Zum Tod von Christoph Schlingensief

Als am vergangenen Samstag (21. August) die Nachricht bekannt wurde, dass Christoph Schlingensief im Alter von 49 Jahren an seiner Krebserkrankung gestorben sei, zeigte sich so etwas wie eine kollektive Trauer im Kulturbetrieb. Selbst das Fernsehen, das oberflächliche und unkonzentrierte Medium, schien für den Augenblick, in dem bei einem eingeblendeten Foto die Nachricht zum Tod des Regisseurs verlesen wurde, innezuhalten. Diese Reaktion war insofern verblüffend, weil kaum ein anderer Künstler in den vergangenen 20 Jahren eben diesen Kulturbetrieb und besonders das Fernsehen so getriezt und geärgert hat.

Wer Schlingensief in den 1980er Jahren begegnete, erlebte einen damals für den unabhängigen Film arbeitenden Regisseur, der ein Punk war ohne Punkallüren, ein Provokateur, der jede halbwegs gesittete Diskussion aufmischte, weil Kunst ohne Erregung für ihn eben nicht vorstellbar war, ein Komödiant, dem alles, was er thematisierte, todernst war und der so etwas wie Ironie im eigenen Werk nicht kannte. Bei alldem war er zugleich ein politischer Künstler, der selbst dort noch politisch war, wo alle anderen längst des Politischen überdrüssig geworden waren. Die Filme seiner frühen Jahre waren unbändig, ungeordnet, unverschämt und spekulativ, ob er nun die Nazi-Vergangenheit (und ihr Nachwirken in der Bundesrepublik) thematisierte oder die Gegenwart der Wiedervereinigung mit ihren durchaus auch verlogenen Bekundungen.

Möglich wurden diese Arbeiten auch durch die kulturelle Filmförderung, die das Filmbüro Nordrhein-Westfalen organisierte, dem Schlingensief angehörte. Und keiner konnte sich über diese sinnvolle, experimentelle und natürlich auch regelmäßig scheiternde Förderung des unabhängigen Films mehr echauffieren als Schlingensief selbst, der von anderen Regisseuren das verlangte, was er auch sich selbst abverlangte: Konsequenz, Radikalität und den Mut zum Scheitern. Ähnlich reagierte er auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das ihm wie der geförderte Kinospielfilm zu arg auf den Mainstream festgelegt schien und vor allem seine eigene Trash-Gegenwart und -Vergangenheit ignorierte.

Einmal machte Schlingensief selbst Fernsehen. „Talk 2000“ hieß das Format, das von der Kölner Firma Lichtblick produziert und über das Sendefenster der regionalen TV-Produktionsfirma Kanal 4 bei RTL verbreitet wurde (vgl. FK 39/97). Kanal 4 war von Ende der 80er Jahre bis Juli 1998 einer der nordrhein-westfälischen Drittprogrammanbieter, deren Beiträge auszustrahlen sich die großem Privatsender RTL und Sat 1 verpflichtet hatten, um die damals wichtigen terrestrischen TV-Frequenzen im einwohnerstärksten Bundesland zu erhalten. Eine solche Konstruktion gefiel Schlingensief und er nutzte sie gleich für sich aus.

„Talk 2000“, im Winter 1997 produziert, war eine Gesprächssendereihe, in der er neben den klassischen Talkshow-Gästen – von Udo Kier bis Beate Uhse – auch viele unbekannte Menschen vor die Kameras bat. Es ging um den großen und den kleinen Tratsch, es ging um Liebe und Hass, es ging um alles und zugleich um nichts. Das Ganze war ein Zirkus, der in seinen besten Momenten das Medium wie die behandelten Themen erhellte, und der in seinen schlechtesten Augenblicken in einem Chaos von Geschrei und Animositäten endete. Doch diese Momente, die man vor dem Fernsehgerät kaum aushalten konnte, gefielen Schlingensief am meisten, weil er in ihnen das Medium an seine Grenzen trieb.

Zehn Jahre später kam er selbst als nun gefeierter Theater- und Opernregisseur regelmäßig in die Talkshows und zeigte sich dort als stets unberechenbarer Gast, der mal charmant und freundlich sein konnte, um dann wieder den garstigen Politclown zu geben. Dass das Medium Fernsehen zur Selbstentblößung animiert, war eine der Geltungsvoraussetzungen seiner Sendereihe „Talk 2000“ gewesen. Schlingensief selbst beherzigte das und war nie glaubwürdiger als in seinen letzten Jahren, als er beispielsweise für sein Projekt eines Operndorfs in Burkina Faso warb und als er wie etwa am 11. September vorigen Jahres im NDR Fernsehen in der Radio-Bremen-Talkshow „3 nach 9“ mit Charlotte Roche (vgl. FK 44/09) über die Krankheit sprach, die ihn nun das Leben kostete.

(Das NDR Fernsehen zeigt am 4. September in den "3 nach 9 classics" noch einmal ungekürzt und im Zusammenschnitt die drei Gespräche, die es mit Christoph Schlingensief zwischen 1997 und 2009 in der Talkshow gab; 0.45 bis 1.30 Uhr, Freitag auf Samstagnacht.)

24.8.10 – DIETRICH LEDER / FK
Zum Seitenanfang